Eine Träne im Knopfloch

Berührender Abschied von Progroups dienstältester Wellpappanlage

„Ein bisschen Wehmut ist schon dabei.“ Jürgen Heindl, Firmengründer und CEO von Progroup, muss kurz innehalten und durchatmen. Kein Wunder: Der 29. Januar 2019 ist ein besonderer Tag in der Firmengeschichte. Und das nicht allein, weil Jürgen Heindl Geburtstag hat. Er steht, Mikrofon in der Hand, auf der Brücke des Leitstands im alten Wellpappformatwerk in Ellesmere Port. Hier in England, ganz in der Nähe von Liverpool, nimmt er an diesem Tag mit einem symbolischen Knopfdruck die Anlage PW08 feierlich außer Dienst. Auf den Tag genau zehn Jahre nach ihrer Inbetriebnahme in Großbritannien. Doch damit nicht genug: Bei PW08 handelt es sich um dieselbe Anlage, die 27 Jahre zuvor als PW01 in Offenbach den Betrieb aufnahm und damit den Startschuss für die dynamische Erfolgsgeschichte von Progroup gab. Eine Maschine, die doch viel mehr als nur das ist.

 

„Es ist ein wirklich emotionaler Augenblick“, fährt Jürgen Heindl in seiner Rede vor der versammelten Belegschaft des Werks und geladenen Gästen fort, „aber die Zeit schreitet voran.“ Insgesamt 25 lange Jahre hat die Maschine produziert. Unterbrochen nur von einer Pause 2007/2008, in der sie in Offenbach demontiert, nach England verschifft und dort neu aufgebaut und in Betrieb genommen wurde. Während ihrer Lebensdauer brachte sie es auf einen gigantischen Ausstoß von 3,5 Milliarden Quadratmetern Wellpappe – das wäre, umgerechnet, ein Streifen Wellpappe von einem Meter Breite, der ganze neunmal von der Erde zum Mond reichen würde.

 

Marco Wollenburg war 1992 erster Schichtleiter an ebenjener ersten Anlage in Offenbach. Heute drückt er gemeinsam mit Heindl auf den Aus-Schalter und sagt mit Blick auf die enorme Produktionsleistung: „Eigentlich schade, dass wir sie abstellen.“ Er muss schmunzeln, und die anderen mit ihm, auch Marc Weigel. Er ist nicht nur ebenfalls einer der dienstältesten Progroup-Mitarbeiter, er war vor allem federführend am Umzug der PW01 und deren Wiederanlaufen als PW08 in England verantwortlich. Heute sei auch für ihn ein bewegender Moment, bekennt er: „Aber es ist schön zu sehen, wie gut die Maschine die zehn letzten Jahre noch lief.“ Was nicht zuletzt schließlich Audrius Jasmontas zu verdanken ist, der als vierter im Bunde heute ebenfalls seine Hand auf den Aus-Schalter legt. Er war seinerzeit der erste Schichtleiter der neu installierten PW08 hier in Ellesmere Port.

 

Zu viert betätigen Heindl, Wollenburg, Weigel und Jasmontas den vor ihnen an der Brüstung des Leitstands angebrachten Schalter – PW01 und PW08 sind in diesem Augenblick Geschichte. Der Applaus der Mitarbeiter und Gäste brandet auf und verliert sich dann langsam in der weiträumigen Werkshalle. Bestandteile der Maschine sollen nun, als Erinnerung an den Beginn der Firmengeschichte, auf dem Werkgelände in Offenbach ausgestellt werden. Das war Jürgen Heindl wichtig.

Die in den Ruhestand verabschiedete Maschine bildete einst auch den ersten Meilenstein der Zusammenarbeit mit Maschinenbauer BHS Corrugated. Lars Engel, BHS Managing Director, bringt es in seiner kurzen Ansprache auf den Punkt: „Diese Maschine ist die Mutter dreier Erfolgsgeschichten: Sie legte die Basis für den Erfolg des Unternehmens, sie setzte neue technische Maßstäbe, und schließlich ist sie ein Symbol für die lange, enge Partnerschaft von BHS und Progroup.“ Mithin ein Symbol für die Power of Cooperation, die Progroup lebt, ergänzt Jürgen Heindl und reicht Lars Engel seine Rechte für einen langen Händedruck.

 

Doch bei aller Wehmut: Der Blick ist in die Zukunft gerichtet. Denn in Ellesmere Port wird gleichzeitig ein neues Kapitel aufgeschlagen. Mit PW12 nahm Progroup kürzlich das weltweit effizienteste und leistungsstärkste Werk seiner Art in Betrieb. Das ist ein mehr als guter Grund, an diesem Tag auch noch – trotz Träne im Knopfloch, wie Jürgen Heindl es formuliert – zu feiern. Belegschaft wie Gäste lassen sich das aufgebaute Büffet zur Feier des Tages und nicht zuletzt zur Feier ihrer eigenen mit der Maschine erbrachten Leistungen schmecken.